Fundamentals of Piano Practice


Klavier spielen

- Grundlagen, Übungen, Praxistips -
von Chuan C. Chang (2. Ausgabe)
Übersetzung: Edgar Lins

Letzte Änderung: 22. Mai 2006


© Copyright 1991-2006. Kein Teil dieses Dokuments darf ohne die Namen des Autors, Chuan C. Chang, und des Übersetzers, Edgar Lins, sowie dieses Copyrightvermerks heruntergeladen oder kopiert werden. Die Vervielfältigung in jeglicher Form ist nur für den persönlichen Gebrauch zulässig.

[04.10.2009: Die aktuelle Fassung dieser Datei finden Sie hier.
Aufgrund der umfangreichen Änderungen des Originals werde ich die bis zum 28.02.2009 erstellte deutsche Fassung nicht mehr in der bisherigen Art und Weise anpassen, sondern eine neue Datei mit dem gesamten Text aufbauen. Die alten Dateien lasse ich bis zum Abschluss der Umstellung im Netz stehen.]

Zur Homepage von www.uteedgar-lins.de
Zur Homepage von FOPPDE
Zum Inhaltsverzeichnis
Im Text verwendete Abkürzungen und Farben


(Kapitel 1: Klaviertechnik)

(II. Grundlegende Verfahren des Klavierübens)


21. Ausdauer aufbauen, Atmung

"Ausdauer" ist ein umstrittener Begriff beim Klavierüben. Diese Auseinandersetzung ist in der Tatsache begründet, daß Klavierspielen Kontrolle und nicht Muskelkraft erfordert und viele Schüler den falschen Eindruck haben, daß sie keine Technik erwerben werden, bevor sie nicht genug Muskeln entwickelt haben. Auf der anderen Seite ist ein gewisses Maß an Ausdauer notwendig. Dieser offensichtliche Widerspruch kann beseitigt werden, wenn man genau versteht, was benötigt wird und wie man es bekommt. Offensichtlich kann man laute, grandiose Passagen nicht ohne Energieaufwand spielen. Große, starke Pianisten, die ansonsten dieselben Fertigkeiten haben, können sicherlich mehr Klang erzeugen als kleine, schwache Pianisten. Und die stärkeren Pianisten können leichter "anstrengende" Stücke spielen. Jeder Pianist hat genug körperliche Ausdauer um Stücke seiner Stufe zu spielen, einfach wegen der Menge an Übung, die erforderlich war, um auf diese Stufe zu kommen. Doch wissen wir, daß Ausdauer ein Problem ist. Die Antwort liegt in der Entspannung. Wenn die Ausdauer ein Thema wird, wird es fast immer durch übermäßige Spannung verursacht.

Das berühmteste Beispiel dafür ist das LH Oktavtremolo im ersten Satz von Beethovens Pathétique. Das einzige, was über 90% der Schüler tun müssen, ist, den Streß zu eliminieren; doch viele Schüler üben es für Monate mit geringem Fortschritt. Der erste Fehler, den sie machen, ist, es zu laut zu spielen. Das fügt zusätzlichen Streß und Ermüdung gerade dann hinzu, wenn man es sich am wenigsten leisten kann. Spielen Sie es leise, und konzentrieren Sie sich nur darauf, den Streß zu eliminieren, wie in Abschnitt III.3b beschrieben. Denken Sie beim Üben immer daran, nach Haltungen der Hand Ausschau zu halten, die den Streß eliminieren. In einer Woche oder zwei werden Sie so viele Tremolos so schnell spielen wie Sie möchten. Fangen Sie nun an, Lautstärke und Ausdruck hinzuzufügen. Fertig! An diesem Punkt unterscheidet sich Ihre körperliche Stärke und Ausdauer nicht von der, die Sie hatten, als Sie vor wenigen Wochen angefangen hatten - Sie haben sich hauptsächlich damit beschäftigt, die beste Art zu finden, den Streß zu eliminieren.

Anspruchsvolle Stücke zu spielen erfordert ungefähr so viel Energie wie ein langsames Joggen mit ungefähr 4 Meilen pro Stunde, wobei das Gehirn mehr Energie braucht als die Hände und der Körper. Viele Jugendliche können nicht mehr als eine Meile ununterbrochen joggen. Deshalb würde es die Ausdauer überbeanspruchen, wenn man einen jungen Menschen bitten würde, schwierige Passagen 20 Minuten lang ununterbrochen zu üben, weil es ungefähr dem Joggen von einer Meile entspräche. Lehrer und Eltern müssen aufpassen, wenn Jugendliche ihre Klavierstunden beginnen, daß die Übungszeiten am Anfang auf weniger als 15 Minuten begrenzt sind, bis der Schüler etwas Ausdauer erlangt hat. Marathonläufer haben Ausdauer, aber sie sind nicht muskulös. Man muß den Körper für die für das Klavierspielen notwendige Ausdauer konditionieren, aber man braucht keine zusätzlichen Muskeln.

Nun gibt es einen Unterschied zwischen dem Klavierspielen und dem Marathonlaufen wegen der Notwendigkeit, zusätzlich zur Muskelkonditionierung das Gehirn für die Ausdauer zu konditionieren. Deshalb kann man mit stupidem Üben von Tonleitern und anderen Übungen keine Ausdauer erreichen. Die effizienteste Art, Ausdauer zu erlangen, ist, entweder fertig gelernte Stücke zu spielen und Musik zu machen oder schwierige Abschnitte kontinuierlich mit HS zu üben. Benutzen wir wieder die Analogie zum Joggen. Es wäre für die meisten Schüler sehr schwer, schwieriges Material ununterbrochen länger als einige Stunden zu üben, weil 2 Stunden zu üben 6 Meilen zu joggen entsprechen würde, was ein "Wahnsinnstraining" ist. Deshalb werden Sie zwischen den schweren Übungsteilen ein paar leichte Stücke spielen müssen. Konzentrierte Übungssitzungen von mehr als ein paar Stunden sind nicht so hilfreich, bevor Sie nicht auf einer fortgeschrittenen Stufe sind. Es ist wahrscheinlich besser, zu unterbrechen und mit dem Üben nach einer Pause erneut zu beginnen. Klar, hartes Üben ist anstrengende Arbeit, und ernsthaftes Üben kann den Schüler in eine gute körperliche Verfassung bringen. HS-Üben ist in dieser Hinsicht am wertvollsten, weil es einer Hand gestattet sich zu erholen, während die andere hart arbeitet, was dem Klavierspieler erlaubt, 100% der Zeit ohne Verletzung oder Ermüdung so hart zu arbeiten wie er möchte. Natürlich ist es von der Ausdauer her gesehen nicht schwierig (wenn man die Zeit hat), 6 oder 8 Stunden an täglicher Übungszeit aufzuwenden, indem man jede Menge stupider Fingerübungen einschließt. Das ist ein Prozeß der Selbsttäuschung, in welchem der Schüler glaubt, daß der bloße Zeitaufwand ihn ans Ziel bringt - wird er aber nicht. Wenn überhaupt, ist es wichtiger, das Gehirn zu konditionieren als die Muskeln, denn es ist das Gehirn, das für die Musik konditioniert werden muß. Außerdem wird eine anstrengende Konditionierung der Muskeln dazu führen, daß der Körper schnelle Muskeln in langsame umwandelt, die ausdauernder sind - genau das Gegenteil von dem, was man möchte.

Was ist Ausdauer? Sie ist etwas, das uns befähigt, weiter zu spielen ohne müde zu werden. Bei langen Übungssitzungen über mehrere Stunden bekommen Pianisten genauso wie Athleten ihren neuen Energieschub. Können wir irgendwelche biologischen Faktoren bestimmen, die die Ausdauer kontrollieren? Die biologische Basis zu kennen ist der beste Weg, Ausdauer zu verstehen. Da keine spezifischen biophysikalischen Studien vorliegen, können wir nur spekulieren. Klar ist, daß wir eine genügende Sauerstoffaufnahme und einen adäquaten Blutfluß zu den Muskeln und zum Gehirn brauchen. Der größte Faktor, der die Sauerstoffaufnahme beeinflußt, ist die Leistungsfähigkeit der Lunge, und wichtige Komponenten davon sind Atmung und Körperhaltung. Das ist wahrscheinlich ein Grund, warum Meditation mit der Betonung der richtigen Atmung unter Benutzung des Zwerchfells so hilfreich ist. Wenn nur die Rippenmuskulatur zum Atmen benutzt wird, dann wird der Atmungsapparat zuviel und das Zwerchfell zuwenig benutzt. Das daraus resultierende schnelle Pumpen des Brustkorbs oder die übertriebene Ausdehnung der Brust kann mit dem Klavierspielen in Konflikt geraten. Der Gebrauch des Zwerchfells gerät mit den Spielbewegungen weniger in Konflikt. Wenn beim Spielen Streß aufgebaut wird, werden außerdem diejenigen, die das Zwerchfell nicht bewußt benutzen, eventuell das Zwerchfell anspannen und es nicht einmal merken. Indem sowohl die Rippen als auch das Zwerchfell benutzt werden und eine gute Haltung aufrechterhalten wird, können die Lungen mit geringstem Aufwand bis zu ihrem maximalen Volumen ausgedehnt werden und somit die maximale Menge an Sauerstoff aufnehmen.

Die folgende Atemübung kann sehr hilfreich sein, nicht nur für das Klavierspielen, sondern auch für das allgemeine Wohlbefinden. Atmen Sie tief ein und dehnen Sie dabei Ihren Brustkorb, schieben Sie Ihr Zwerchfell nach unten (Ihr Unterbauch wölbt sich nach außen), heben Sie Ihre Schultern an, und ziehen Sie sie nach hinten; atmen Sie dann vollständig aus, und kehren Sie dabei alle vorigen Bewegungen um. Wenn Sie tief einatmen, atmen Sie durch die Nase (Sie können dabei den Mund offen lassen oder schließen). Achten Sie aber darauf, daß die Muskeln in der Nase entspannt sind und die Nasenflügel nicht eingezogen werden, und daß der Rachenraum nicht verengt wird, weil das leicht geschehen kann, wenn man angestrengt durch die Nase einatmet. Am besten geht es wahrscheinlich, wenn Sie sich auf das Einatmen durch den Rachen - in der Nähe der Stimmbänder - konzentrieren und die Luft einfach durch die Nase einströmen lassen. Das entspannt die Nasenmuskeln, und der Luftstrom durch die Nase wird größer. Wenn Sie lange Zeit nicht tief eingeatmet haben, werden Sie wahrscheinlich nach einer oder zwei solcher Übungen hyperventilieren, und es wird Ihnen schwindlig. Hören Sie sofort auf, falls Sie hyperventilieren! Wiederholen Sie diese Übung dann zu einem späteren Zeitpunkt; Sie sollten dann mehr Atemzüge nehmen können ohne zu hyperventilieren. Wiederholen Sie diese Übung bis Sie mindestens 5 Atemzüge hintereinander nehmen können ohne zu hyperventilieren. Wenn Sie dann zu Ihrem Arzt gehen und er Sie beim Abhören mit dem Stethoskop bittet tief einzuatmen, können Sie das tun, ohne daß es Ihnen schwindlig wird! Diese Übung lehrt Ihnen die Grundlagen der Atmung. Behalten Sie diese Elemente des Atmens beim Klavierüben in Erinnerung, und denken Sie daran, sie entsprechend zu benutzen, besonders wenn Sie etwas schwieriges üben. Normal zu atmen während man etwas schwieriges spielt, ist ein wichtiges Element der Entspannung. Führen Sie diese Übung mindestens einmal alle paar Monate durch. [Achten Sie auch im Alltag hin und wieder auf Ihre Atmung. Atmen Sie dann ein paarmal "mit dem Bauch" ein und aus - möglichst durch die Nase, nicht extra langsam (Sie sollen ja schließlich keine Atemnot bekommen) aber auch nicht zu schnell, d.h. Sie sollten die Luft nicht mit Kraft durch die Nase strömen, sondern eher wie von selbst ein- und ausfließen lassen. Den Brustkorb, d.h. die Brustmuskulatur, sollten Sie nicht mehr als notwendig einbeziehen. Es kommt dieses Mal nicht darauf an, die Lungen so weit wie möglich zu füllen, sondern darauf, das normale Atemvolumen so entspannt wie möglich aufzunehmen. Diese Übung eignet sich auch hervorragend für die schnelle Entspannung zwischendurch, wenn es mal wieder "hoch hergeht". Und wenn Sie schon dabei sind, können Sie auch gleich nachprüfen, ob Ihre Muskulatur angespannt ist. Gute Kandidaten sind z.B. übereinandergeschlagene oder unter dem Bürostuhl versteckte Beine, die Schulter- bzw. Nackenmuskulatur und die Kiefermuskeln.]

Die obigen Arten von Methoden zum Erhöhen der Ausdauer können größtenteils während des Übens am Klavier gelernt werden. Andere Methoden, die Ausdauer zu erhöhen, sind die Steigerung der Durchblutung und die Vergrößerung der Blutmenge im Körper. Diese Prozesse geschehen während der PPI. Beim Klavierspielen wird zusätzliches Blut sowohl im Gehirn als auch im Spielmechanismus benötigt; deshalb kann die Durchblutung gesteigert werden, indem sichergestellt wird, daß sowohl das Gehirn als auch der Körper während des Übens völlig trainiert werden. Das veranlaßt den Körper auch, mehr Blut herzustellen, weil einfach mehr Blut gebraucht wird. Stupide Wiederholungen von Tonleitern usw., sind in dieser Beziehung schädlich, weil sie den Gehirnanteil ausschließen und so die Notwendigkeit für mehr Blut reduzieren können. Nach einer großen Mahlzeit zu üben, erhöht ebenfalls die Blutversorgung, und umgekehrt wird es die Ausdauer reduzieren, wenn man sich nach jeder Mahlzeit ausruht. Da die meisten Menschen nicht genügend Blut haben, um anstrengende Tätigkeiten mit einem vollen Magen auszuführen, wird Ihr Körper eventuell rebellieren, und Sie werden sich schlecht fühlen, aber das ist nur eine zu erwartende Reaktion. Wenn der Körper erst das notwendige zusätzliche Blut erzeugt, wird dieses schlechte Gefühl nicht wiederkommen. Sie sollten deshalb nach einer Mahlzeit so aktiv wie möglich bleiben. Das Üben direkt nach einer Mahlzeit führt dazu, daß Blut für die Verdauung, für die Spielmuskeln und für das Gehirn benötigt wird und so die größten Anforderungen an die Blutversorgung gestellt werden [Falls das ein Mediziner liest, bin ich - insbesondere wegen eventueller negativer Auswirkungen an anderer Stelle - sehr an einem Kommentar interessiert!]. Klar ist, daß die Teilnahme an sportlichen Aktivitäten, eine gute Gesundheit und Training ebenfalls hilfreich sind, um Ausdauer beim Klavierspielen zu bekommen.

Zusammengefaßt: Anfänger, die noch nie zuvor ein Klavier angerührt haben, müssen ihre Ausdauer schrittweise aufbauen, weil Klavierüben eine anstrengende Arbeit ist. Eltern müssen auf die Übungsdauer von sehr jungen Anfängern achten; erlauben Sie ihnen, aufzuhören oder eine Pause einzulegen, wenn sie müde werden. Erlauben Sie niemals einem kranken Kind, Klavier zu üben, selbst einfache Stücke, wegen des Risikos die Krankheit zu verschlimmern und von Hirnschädigungen [falls durch das Klavierspielen das Fieber stark ansteigt]. Auf jeder Fertigkeitsstufe haben wir alle mehr Muskeln als wir brauchen, um die Klavierstücke unserer Stufe zu spielen. Sogar professionelle Pianisten, die jeden Tag 6 Stunden üben, sehen am Ende nicht aus wie Popeye. Franz Liszt war dünn, überhaupt nicht muskulös. So ist das Aneignen von Technik und Ausdauer keine Frage des Muskelaufbaus, sondern des Lernens wie man entspannt und seine Energie sinnvoll einsetzt.


22. Schlechte Angewohnheiten: Der größte Feind des Pianisten

Schlechte Angewohnheiten sind die schlimmsten Zeitverschwender beim Klavierüben. Die meisten schlechten Angewohnheiten werden durch Streß beim Üben von Stücken, die zu schwierig sind, verursacht. Achten Sie deshalb darauf, eine Passage, die zu schwierig ist, nicht zuviel zu üben, besonders mit HT. Das kann sogar zu Verletzungen führen. HT-Üben ist die größte einzelne Ursache von schlechten Angewohnheiten und von Geschwindigkeitsbarrieren. Deshalb werden in diesem Abschnitt die HT-Methoden am Ende beschrieben. Viele der aus dem HT-Üben resultierenden schlechten Angewohnheiten sind sehr schwierig zu diagnostizieren, was sie um einiges schlimmer macht.

Eine weitere schlechte Angewohnheit ist der übermäßige Gebrauch des Halte- oder Dämpferpedals, wie weiter unten besprochen [Anmerkungen zu den Bezeichnungen der Pedale finden Sie hier]. Das ist das sicherste Zeichen eines Amateurschülers, der Unterricht bei einem unqualifizierten Lehrer nimmt. Zu häufiger Gebrauch dieser Pedale kann nur einem Schüler mit ernsthaften technischen Defiziten "helfen".

Stottern wird durch Üben im "Stop and Go" verursacht, d.h. wenn der Schüler bei jedem Fehler anhält und den Abschnitt noch einmal spielt. Wenn Sie einen Fehler machen, spielen Sie immer durch den Fehler hindurch; halten Sie nicht an, um ihn zu korrigieren. Machen Sie im Geiste einen Vermerk an der fehlerhaften Stelle und spielen Sie den Abschnitt später noch einmal, um zu sehen, ob sich der Fehler wiederholt. Wenn ja, fischen Sie ein kurzes Stück heraus, das den Fehler enthält, und arbeiten Sie damit. Haben Sie erst einmal die Angewohnheit entwickelt, durch Fehler hindurchzuspielen, können Sie zur nächsten Stufe aufsteigen, in der Sie Fehler vorhersehen können (ihr Kommen fühlen können, bevor sie auftreten) und Ausweichmanöver durchführen können, wie z.B. langsamer werden, den Abschnitt vereinfachen oder bloß den Rhythmus beibehalten. Meistens macht dem Publikum ein Fehler nichts aus, solange der Rhythmus nicht unterbrochen wird, oder es hört den Fehler nicht einmal.

Das Schlimmste an den schlechten Angewohnheiten ist, daß es so lange dauert, sie zu eliminieren, besonders wenn es HT-Angewohnheiten sind. Deshalb beschleunigt nichts Ihre Lernrate mehr als die Kenntnis aller schlechten Angewohnheiten und ihre Vermeidung, bevor sie verfestigt sind. Zum Beispiel ist die richtige Zeit, das Stottern zu verhindern, wenn der Schüler das erste Mal mit dem Unterricht beginnt. Wenn das Hindurchspielen durch Fehler in diesem Stadium gelehrt wird, wird es zur zweiten Natur und ist sehr einfach; es ist kein zusätzlicher Aufwand nötig, um diesen "Trick" zu lernen. Einem Stotterer beizubringen, durch Fehler hindurchzuspielen, ist eine sehr schwierige Aufgabe.

Eine weitere schlechte Angewohnheit ist, ohne Rücksicht auf die Musikalität auf das Klavier einzuhämmern. Der Schüler setzt laut mit aufregend gleich. Dazu kommt es oft, wenn der Schüler so ins Üben vertieft ist, daß er vergißt, auf die Töne zu hören, die aus dem Klavier kommen. Das kann vermieden werden, indem man die Angewohnheit entwickelt, sich stets selbst beim Spielen zuzuhören. Sich selbst zuhören ist viel schwerer als vielen Menschen bewußt ist, weil viele Schüler (besonders diejenigen, die mit Streß spielen) ihre ganze Mühe für das Spielen aufwenden und nichts für das Zuhören übrig bleibt. Man neigt auch dazu, das zu hören, was man gerade spielen möchte; deshalb ist das, was man hört, nicht unbedingt das, was man spielt. Eine Möglichkeit, dieses Problem zu verringern, ist, das eigene Spielen aufzunehmen, so daß man es sich später mit einem gewissen geistigen Abstand anhören kann. Aufregende Passagen sind oft laut, aber sie sind dann am aufregendsten, wenn der Rest der Musik leise ist. Es ist sicherlich kontra-intuitiv, daß lautes Üben die technische Entwicklung stark verlangsamt.

Dann sind da noch diejenigen mit schwachen Fingern. Dieses Problem ist unter Anfängern weit verbreitet und kann einfacher korrigiert werden als das zu laute Draufhämmern. Schwache Finger werden dadurch verursacht, daß man die Arme nicht entspannt und der Schwerkraft nicht die Führung überläßt. Der Schüler hebt unbewußt die Arme und ist in einem Streßzustand.

Ebenfalls eine schlechte Angewohnheit ist, immer mit der falschen Geschwindigkeit zu spielen, also entweder zu langsam oder zu schnell - besonders während eines Auftritts. Die richtige Geschwindigkeit wird von mehreren Faktoren bestimmt, einschließlich der Schwierigkeit des Stückes in bezug auf Ihre technischen Fähigkeiten, was das Publikum erwartet, der Zustand des Klaviers, welches Stück vorausging oder welches diesem folgt usw. Einige Schüler könnten dazu neigen, Stücke gemäß ihrer Fertigkeitsstufe zu schnell vorzuführen, während andere schüchtern sind und zu langsam spielen. Langsam zu spielen kann schwieriger sein, als mit der richtigen Geschwindigkeit zu spielen, was die Probleme eines schüchternen Spielers verschlimmert. Schüchterne Spieler können auch durch Ihre eigene Musik psychologisch beeinflußt werden, so daß Sie sich noch schüchterner fühlen. Diejenigen, die zu schnell vorspielen, können entmutigt werden, weil sie zu viele Fehler begehen, und zu der Überzeugung kommen, daß sie nicht gut vorspielen können. Das trifft nicht nur auf Vorführungen zu, sondern auch auf das Üben.

Schlechte Klangqualität ist ein weiteres verbreitetes Problem. Während der meisten Zeit hört beim Üben niemand zu, so daß der Klang keine Rolle zu spielen scheint. Wenn der Klang ein wenig schlechter wird, stört es den Schüler nicht, mit dem Ergebnis, daß der Klang nach einiger Zeit völlig ignoriert wird. Schüler müssen sich immer um den Klang bemühen, weil er der wichtigste Teil der Musik ist. Gute Aufnahmen anzuhören ist der beste Weg, in dem Schüler das Bewußtsein für die Existenz des guten Klangs zu erwecken. Wenn sie nur ihr eigenes Spiel anhören, haben sie eventuell keine Ahnung, was guter Klang bedeutet. Achtet man jedoch erst einmal auf den Klang und fängt an, Resultate zu erzielen, läuft es von selbst, und man kann ohne weiteres die Kunst lernen, Klänge zu produzieren, die ein Publikum anziehen. Was noch wichtiger ist: Ohne guten Klang ist eine fortgeschrittene technische Verbesserung fast nicht möglich, weil ein guter Klang Kontrolle erfordert und die technische Entwicklung von der Kontrolle abhängt.

Die Zahl der möglichen schlechten Angewohnheiten ist so groß, daß sie hier nicht alle angesprochen werden können. Nur soviel sei gesagt: Eine rigorose Einstellung zu schlechten Angewohnheiten ist eine Voraussetzung für rasche Verbesserung.


Ende der Übersetzung dieser Seite
Originale: http://www.pianopractice.org (extern)

Anregungen, Kritiken, Verbesserungsvorschläge usw. zum rein fachlichen Inhalt bitte an den Autor (wenn möglich in Englisch) per
E-Mail: cc88m@aol.com
oder Post: Chuan C. Chang
16212 Turnbury Oak Dr.
Odessa
FL 33556
USA
Alles weitere bitte an den Übersetzer per
E-Mail: musik@uteedgar-lins.de
oder Post: Edgar Lins
Usinger Straße 46
61231 Bad Nauheim
Deutschland

Homepage von www.uteedgar-lins.de  Homepage von FOPPDE  Komplettes Buch (> 1,5 MB)
Inhaltsverzeichnis  Vorhergehende Datei  Nächste Datei

http://foppde.uteedgar-lins.de/c1ii21.html