Fundamentals of Piano Practice


Klavier spielen

- Grundlagen, Übungen, Praxistips -
von Chuan C. Chang (2. Ausgabe)
Übersetzung: Edgar Lins

Letzte Änderung: 22. Mai 2006


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Im Text verwendete Abkürzungen und Farben


(Kapitel 1: Klaviertechnik)


(III. Ausgewählte Themen des Klavierübens)


4c. Bewegungen des Körpers

Viele Lehrer unterstützen "den Gebrauch des ganzen Körpers für das Klavierspielen" (s. Whiteside). Was bedeutet das? Gibt es besondere Körperbewegungen, die für die Technik erforderlich sind? Nicht wirklich; die Technik liegt in den Händen und in der Entspannung. Da jedoch die Hände mit dem Körper verbunden sind und durch ihn unterstützt werden, kann man nicht einfach in einer Position sitzen und hoffen zu spielen. Wenn man in den höheren Lagen spielt, sollte der Körper den Händen folgen, und Sie könnten sogar ein Bein in die Gegenrichtung strecken, um den Körper auszubalancieren, wenn es nicht für die Pedale gebraucht wird. Auch erfordert selbst die kleinste Bewegung eines Fingers die Aktivierung einer Reihe von Muskeln - mindestens bis zur Körpermitte (nahe des Brustbeins) hin, wenn nicht sogar bis zu den Beinen und anderen Körperteilen, die den Körper unterstützen. Entspannung ist, wegen der schieren Größe der einbezogenen Muskeln, im Körper genauso wichtig wie in den Händen und den Fingern. Obwohl die meisten der erforderlichen Körperbewegungen einfach mit dem gesunden Menschenverstand zu verstehen sind und nicht derart wichtig erscheinen, sind sie nichtsdestoweniger für das Klavierspielen absolut notwendig. Lassen Sie uns diese Bewegungen besprechen, von denen einige nicht völlig offensichtlich sind.

Der wichtigste Aspekt ist die Entspannung. Es ist die gleiche Art Entspannung, die Sie in den Händen und den Armen brauchen - benutzen Sie nur die Muskeln, die für das Spielen erforderlich sind, und nur für die kurzen Momente, während denen sie gebraucht werden. Entspannung bedeutet auch freies Atmen; wenn Ihre Kehle nach hartem Üben trocken ist, dann schlucken Sie nicht richtig, ein sicheres Zeichen von Anspannung. Entspannung ist eng mit der Unabhängigkeit eines jeden Teils des Körpers verbunden. Als erstes müssen Sie, bevor Sie über nützliche Körperbewegungen nachdenken, sicherstellen, daß die Hände und Finger völlig vom Körper entkoppelt sind. Wenn Sie nicht entkoppelt sind, dann wird der Rhythmus unordentlich, und man kann alle Arten von unerwarteten Fehlern machen. Wenn man außerdem nicht merkt, daß der Körper und die Hände gekoppelt sind, dann wird man sich fragen, warum man so viele merkwürdige Fehler macht, für die man keinen Grund findet. Dieses Entkoppeln ist beim HT-Spielen besonders wichtig, weil das Koppeln die Unabhängigkeit der beiden Hände stört. Koppeln ist eine der Ursachen der Fehler: Eine Bewegung in einer Hand erzeugt z.B. durch den Körper eine unfreiwillige Bewegung in der anderen. Das bedeutet nicht, daß man das Entkoppeln des Körpers während des HS-Übens ignorieren kann; im Gegenteil, das Entkoppeln sollte während der Arbeit mit HS bewußt geübt werden. Beachten Sie, daß das Entkoppeln ein einfaches Konzept und leicht auszuführen ist, wenn man es erst einmal gelernt hat, daß es aber körperlich ein komplexer Prozeß ist. Jede Bewegung in einer Hand erzeugt notwendigerweise eine gleiche und entgegengesetzte Reaktion im Körper, die automatisch zur anderen Hand übertragen wird. Deshalb erfordert das Entkoppeln einen aktiven Aufwand; es ist keine bloße passive Entspannung. Glücklicherweise sind unsere Gehirne genügend entwickelt, so daß wir leicht das Konzept des Entkoppelns begreifen können. Darum muß das Entkoppeln aktiv geübt werden. Wenn Sie irgend eine neue Komposition lernen, wird immer ein wenig Kopplung vorhanden sein, bis Sie diese heraustrainieren. Die schlimmste Art der Kopplung ist jene, die man während des Übens erwirbt, wenn man mit Streß übt oder versucht, etwas zu spielen, das zu schwierig ist. Während der intensiven Bemühungen, die notwendig sind, um schwieriges Material zu spielen, kann ein Schüler jede Zahl von unnötigen Bewegungen verinnerlichen - besonders während des HT-Übens -, was schließlich das Spielen stört, wenn die Geschwindigkeit gesteigert wird. Indem Sie mit HS auf Geschwindigkeit kommen, können Sie die meisten dieser aus dem HT-Koppeln resultierenden Fehler vermeiden.

Eine weitere wichtige Anwendung des Körpers liegt im piano oder forte spielen. Wirklich laute und respekteinflößende Töne können nur unter Benutzung der Schultern erzeugt werden. Der Körper sollte vorwärts gelehnt und das Gewicht der Schultern benutzt werden. Somit wird der Ton durch eine größere Masse erzeugt, und das Publikum kann das hören. Wir wissen alle, daß F = M*a, wobei F die mit dem Tastendruck angewandte Kraft ist, M die Masse des Fingers, Arms usw. und a die Beschleunigung während des Tastendrucks. Da man selbst die Fingerspitze nur um einen bestimmten Betrag beschleunigen kann, bestimmt die Masse M die Kraft, weil M sehr groß werden kann, wenn man den Körper und die Schultern hinzufügt. Mit dieser größeren Kraft kann man, verglichen damit, wenn man nur den Arm benutzen würde, den Hammer auf eine höhere Geschwindigkeit und zu einer größeren Biegung des Schafts bringen. Ein Hammer, der die Saiten mit einer größeren Kraft und mit mehr Schaftbiegung trifft, bleibt länger auf den Saiten, weil er warten muß, bis die Biegung aufgehoben ist, bevor er zurückspringen kann. Die größere Kraft komprimiert den Hammerfilz mehr, was ebenfalls zu einer längeren Verweildauer auf den Saiten beiträgt. Das längere Verweilen bewirkt, daß die höheren Obertöne effizienter abgeschwächt werden (weil sie mehr Chancen haben, durch den Hammer zu entweichen, usw.), was zu einem "tieferen" Ton führt. Mit anderen Worten: Mit mehr Masse hinter dem Tastendruck übertragen Sie die Energie effizienter auf die Saiten. Ein Golfball, der mit hoher Geschwindigkeit von einer Betonmauer abspringt, verläßt die Mauer fast mit seiner ganzen anfänglichen kinetischen Energie, was bedeutet, daß er wenig Energie an die Mauer abgegeben hat. Er erzeugt auch einen hochfrequenten, klingelnden Ton. Im Gegensatz dazu hat eine schwere Abrißbirne eine größere Masse, und obwohl sie sich langsamer bewegt als der Golfball, kann sie genug Energie übertragen, um die Wand zu zerstören. Sie neigt auch dazu, einen tiefen, dröhnenden Ton zu erzeugen. Obwohl der Klavierhammer seine Masse nicht ändern kann, erzeugt die Schaftbiegung einen Effekt, der dem einer größeren Masse ähnlich ist. Deshalb fordern die Lehrer die Schüler auf, "tief in die Tasten zu drücken", um einen lauten, respekteinflößenden Ton zu erzeugen. Diese Bewegung führt zu einer maximalen Masse hinter dem Tastendruck und zu einer maximalen Schaftbiegung. Die Schaftbiegung wird maximiert, indem man nahe dem Tiefpunkt des Tastenwegs die größte Beschleunigung mitgibt, genau zu der Zeit, wenn die Stoßzunge auslöst. Wenn man nicht "tief preßt", neigt man dazu, die Beschleunigung zu beenden, bevor man den Tiefpunkt erreicht (diese Notwendigkeit, beim Auftreffen zu beschleunigen, ist der Grund, warum das "Durchschwingen" beim Golf so wichtig ist). Beachten Sie, daß die Schaftbiegung zurückgeht, sobald der Hammer in freien Flug übergeht, sogar bevor der Hammer die Saiten trifft. Wegen dieses Effekts tun gute Klavierstimmer ihr äußerstes, den Abstand zwischen Auslösungs- und Anschlagpunkt (Hammerabgang) beim Regulieren der Mechanik zu minimieren, um eine maximale Klangkontrolle zur Verfügung zu stellen. Ärgern Sie sich darum nicht über Ihren Stimmer, wenn ein paar Hämmer in ihrer oberen Stellung festhängen, nachdem der Stimmer das Klavier gerade eingestellt hat, weil er sich mehr Mühe als die meisten Stimmer gegeben hat, es "genau richtig hinzubekommen", indem er die Strecke des Hammerabgangs minimiert hat. Üben Sie diese Noten weiter, und das Leder an der Hammernuß wird flacher, und diese Noten werden sich bald normal spielen lassen.

Der Körper wird auch zum leisen Spielen benutzt, denn um leise zu spielen braucht man eine stabile, konstante Plattform, von der aus man diese kleinen, kontrollierten Kräfte erzeugen kann. Die Hand und der Arm haben selbst zu viele mögliche Bewegungen, um als stabile Plattform zu dienen. Wenn sie sicher mit einem stabilen Körper verbunden sind, hat man eine viel stabilere Bezugsplattform. Deshalb sollte die Ruhe des Pianissimo vom Körper ausgehen, nicht von den Fingerspitzen. Und um mechanischen "Lärm" aufgrund von zusätzlichen Fingerbewegungen zu reduzieren, sollten die Finger soviel wie möglich auf den Tasten sein. Tatsächlich bietet das Erfühlen der Tasten einen weiteren stabilen Bezugspunkt, von dem aus man spielen kann. Wenn der Finger die Taste verläßt, hat man diesen wertvollen Bezugspunkt verloren, und der Finger kann nun überallhin wandern, was es schwierig macht, die nächste Note genau zu kontrollieren.


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